3. Bad Meinberger Kunst- und Kulturtage

Khovar und Sohrai - Malen mit den Jahreszeiten
Kunst der Adivasi-Frauen in Indien

Eine Veranstaltung "Indien in Lippe", wie sie das Staatsbad Meinberg vom 31. August bis 2. September 2007 durchführt, könnte den Eindruck erwecken, als wäre der Subkontinent Indien ein homogenes Gebilde. Dem ist nicht so!


Flyer
(PDF 718 KB)

Vielmehr ist Indien ein Vielvölkerstaat, in dem mehr als 800 Sprachen (keine Dialekte!) gesprochen werden. Auch sind die Unterschiede zwischen den Menschen, die auf dem Lande leben (und das sind immerhin noch ca. 700 bis 800 Millionen), und denen, die in den Städten ein festes Einkommen haben, unvorstellbar groß.

Ca. 80% der Menschen sind vom Hinduismus und seinem Kastensystem geprägt. Daneben leben 70 Millionen Adivasi, das sind die Ureinwohner, die vor der Invasion der Arier (zwischen 1500 und 1200 v. Chr.) bereits im Lande waren. Sie haben immer in geschlossenen Siedlungsgebieten gelebt und eine eigene Tradition gepflegt. Im Grunde haben sie nie dem Hinduismus angehört. Vielmehr stehen sie bis heute außerhalb des hinduistischen Kastensystems, werden ausgegrenzt, unterdrückt und ihrer Würde beraubt. Heute sind etwa neun Millionen von ihnen Christen.

Malereien der Adivasi-Frauen im Gebiet von Hazaribagh

Die Adivasi haben seit Jahrhunderten im Einklang mit der Natur gelebt, Wälder gerodet und gemeinsam ihre Äcker bewirtschaftet. Das Land ist ihnen als "Mitgeschöpf" heilig, aber auch weil in ihm ihre Toten begraben sind, die das Land einst urbar und bewohnbar gemacht haben. Ihre Verbundenheit mit dem Land und den Wäldern ist ihnen lebenswichtig. Wo ihnen das Land genommen wird, verlieren sie ihre Tradition, die Verbindung mit den Ahnen, ihre Identität.

Durch Sprache, Kultur und Religion eigenständig und vom hinduistischen Klassensystem bis heute nicht beachtet, wurden die Ureinwohner von den herrschenden Klassen weder anerkannt noch erhielten sie Anschluss zu ihnen. Das änderte sich grundlegend während der Kolonialzeit und vor allem, als in ihren Siedlungsgebieten wichtige Bodenschätze gefunden wurden. Jetzt wurde ihr Land anderweitig und durch andere Menschen genutzt - für sie ging es verloren. Damit gingen sie aber auch ihrer Identität und ihres Haltes verlustig. Millionen haben sich als Wanderarbeiter in den Teeplantagen von Assam verdingt oder sind auf die Andamanen zu Rodungsarbeiten ausgewandert. Heute gehen Abertausende als Kulis oder Hausmädchen in die Megastädte, wo sie für Menschen mit einer anderen Religion und einer anderen Sprache nicht selten menschenunwürdig arbeiten.

Auf diesem Hintergrund sind auch die in Bad Meinberg ausgestellten Malereien "Khovar und Sohrai" zu sehen. Sie stammen von Adivasi-Frauen aus der Umgebung von Hazaribagh im Norden des jüngsten indischen Bundesstaates Jharkhand. Allerdings sind ähnliche Motive und Techniken auch in Madhya Pradesh und in Südindien bei Adivasis anzutreffen.

Seit vielen Jahrhunderten haben die Frauen nach jedem Monsunregen die Wände ihrer Lehmhäuser innen und außen ausgebessert und dabei mit von Generation zu Generation überlieferten Malereien gestaltet. Wo es möglich ist, tun sie das bis heute.

Diese Bemalungen der Urbevölkerung sind denen der Aborigines in Australien vergleichbar. Ohne jede Anleitung malen die Frauen ihre Motive. Niemand außerhalb der Familien hat sie dieses gelehrt. Sie selbst wussten bis vor kurzem nicht, dass es auf dem benachbarten Plateau jahrtausend alte Felszeichnungen gibt, die diesen Motiven äußerst ähnlich sind.

Die bildhaften Dekorationen und Zeichnungen im Inneren der Häuser, aber noch auffälliger an den Außenwänden zeigen lebendige, großflächig ausgeführte Tier- und Pflanzenmotive sowie Ornamente (vgl. Flyer zur Ausstellung). Dabei gibt es zwei grundsätzlich voneinander abweichende Techniken und Themen. In einem Teil der Dörfer "kratzen" die Frauen in einer Graffiti-Technik beeindruckende Schwarz-Weiß-Motive zur Frühlings- und Heiratszeit (Khovar-Tradition), im anderen malen sie zur Herbst- bzw. Erntezeit vor allem mit Erdfarben in verschiedenen Schattierungen (Braun, Rot, Ocker, Gelb) sowie mit Schwarz und Weiß Tier- und Pflanzenmotive (Sohrai-Tradition).

Durch den Über-Tage-Kohle-Abbau in dem ca. 60 km langen und 30 km breiten Karanpuratal nahe Hazaribagh, wo in 200 Dörfern Adivasi leben, verlieren diese Ureinwohner jetzt nicht nur ihre Dörfer und Kultstätten, sondern auch die Möglichkeit, ihre jahrhunderte alten, traditionellen Malereien fortzusetzen.
Ein ungeheurer Traditions- und Kulturverlust.

Auf Anregung des hoch gebildeten Kulturträgers Bulu Imam und des Indian National Trust of Art and Cultural Heritage (INTACH) ist es gelungen, einen Teil der Frauen zu bewegen, ihre Malereien - entgegen ihrer Tradition - jetzt auf Papier (60 x 80 cm) zu gestalten. Die Werke dieser Künstlerinnen sind weltweit in Museen (z.B. in der Art Gallery of NSW, Sydney/Australien) sowie in Ausstellungen (in Deutschland z.B. in Hamburg, Heidelberg, Dresden oder Berlin - Heinrich Böll Stiftung) gezeigt worden.

In Bad Meinberg bilden sie eine wichtige Ergänzung innerhalb der Präsentation des facettenreichen Kulturgutes Indiens.
Die Malereien können käuflich erworben werden.

Neben den Hausdekorationen gibt es auch andere handwerkliche Spezialisierungen unter den Adivasi wie Eisen- und Messingverarbeitung und Töpferei, die heute noch - wie seit Jahrhunderten - in einfachster Handarbeit ausgeführt werden. Produkte dieser Handwerker sind am Info-Stand der Gossner Mission (neben der Ausstellung) vorhanden.


Wolf-Dieter Schmelter

 

 

  • Ausstellung
    Freitag, 31. August 2007,10:00 - 18:00 Uhr
    Samstag, 1. September 2007, 10:00 - 18:00 Uhr
    Sonntag, 2. September 2007, 11:00 - 18:00 Uhr
    Foyer Kurgastzentrum

s. a. "Ausstellung traditioneller Malerei Indischer Adivasi-Frauen" (PDF - 257 KB)

 

 









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